Faber – I Fucking Love My Life

von am keine Kommentare
Ach herrjemineh, wie sie sich schon wieder alle streiten! Manche verreißen ihn, andere zelebrieren ihn – der Schweizer Songwriter Faber polarisiert wie kaum ein anderer in der deutschsprachigen Poplandschaft. Auch das zweite Album „I fucking love my life“ sorgt wieder für Furore. Wir haben reingehört und fragen uns, auf welcher Seite wir stehen.
Faber 2019

© Peter Kaaden

Vorweg: Faber rühmt sich damit, der Anti-Max-Giesinger zu sein. Er will der Hoffnungsschimmer im Angesicht der Mark Forsters, Wincent Weisses und sogar AnnenMayKantereits dieser Welt sein. Eben ein Gegenentwurf zu dem weichgespülten Wohlfühl-Deutschpop aus der Dose, den Jan Böhmermann so treffend unter dem Label „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ subsumiert und verrissen hat.

Faber will das Gegenteil: Unwohlfühl-Deutschpop. Er provoziert, ist politisch, obszön, eklig, und ja, zugegeben, manchmal auch absolut drüber. Er ist der Songwriter, der es wagt, Worte wie „Ficken“, „Wichsen“ und „Nutte“ zu verwendet. Gezielt kontrastiert er seinen durchaus catchy Balkan-Pop mit derber, heftiger Sprache, stellt simple Melodien komplexen Texten gegenüber. Da hilft es dem Image natürlich, ein etwas moppeliges Babyface und zugleich die Stimme eines weisen alten Mannes zu haben.

Kein Wunder also, dass Faber aneckt. So auch „I fucking love my life“. Gleich die erste Singleauskopplung „Das Boot ist voll“ sorgte für einen großen Eklat, der darin endete, dass Faber den Song in der originalen Version aus dem Netz nahm und in abgeschwächter – und ziemlich uneleganter – Form neu veröffentlichte. Autsch!

Angriff ist die beste Verteidigung

Stolze 16 Titel sind auf dem neuen Werk gelandet. Inhaltlich zeigt sich das Ganze als bunter Mix: bisschen Politik und Gesellschaftskritik, kleine Alltagsbeobachtungen, Sprücheklopfen, erstaunlich viel Herzschmerz und – natürlich – auch eine Portion pubertäre Hornyness. Anscheinend hat sich Faber von den bisherigen Sexismus-Vorwürfen nicht abschrecken lassen. Natürlich ausgerechnet die beiden poppigsten Uptempo-Nummern „Top“ und „Vivaldi“ strotzen nur so mit mal cleveren, mal fragwürdigen Sex-Metaphern. Bei Zeilen wie „Mach’s wie mit einem Lollipop“ oder „Pack mal deinen Cock aus“ werden die Sexismus-Anklagen wohl weiterhin auf ihn einprasseln. Einem Faber kann’s egal sein: Bei „Vivaldi“ nimmt er die Kritiker sogar neckisch aufs Korn. Angriff ist die beste Verteidigung, oder?

Trotz allem: Der Paukenschlag, den noch die ersten EPs oder das Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ hervorgebracht haben, bleibt bei „I fucking love my life“ aus. Und das nicht, weil das Album den Vorgängern nicht das Wasser reichen könnte, sondern weil der Überraschungseffekt ausbleibt. Die Provokation, die Kontraste, die Schocker – das kennen wir ja inzwischen schon, das war ja zu erwarten. Und vielleicht bleibt Faber hier sogar hinter den Erwartungen zurück. In den meisten Momenten ist seine Wortwahl am Ende eigentlich doch ganz brav.

Darf man Faber gut finden?

Sowieso wäre es ungerecht, „I fucking love my life“ nur auf diese paar provokanten Textzeilen zu reduzieren – sie bleiben ohnehin Ausnahmen auf einer Platte, die sich anderweitig keineswegs verstecken muss. So gibt es zum Beispiel musikalisch gesehen wenig zu meckern: ein wahrer Ohrenschmaus für Freunde des Balkan-Pops, phantastisch eingespielt von der Goran Koč y Vocalist Orkestar Band und melodisch so fluffig-eingängig komponiert, dass sich wohl auch die Faber-Hater dabei ertappen werden, wie die verhassten Textzeilen plötzlichen im Kopf kleben bleiben. Faber brilliert nicht nur einmal mehr als talentierter Songschreiber, sondern vor allem als pfiffiger Texter. „I fucking love my life“ ist fast schon überladen mit cleveren Wortspielen, nuanciertem Humor, bissigen Beobachtungen und noch bissigeren Kommentaren. Besonders spannend wird es, wenn Faber nicht stumpf gegen rechts austeilt, wie in „Das Boot ist voll“ geschehen, sondern wenn er uns direkt in der gesellschaftlichen Mitte trifft und da bohrt, wo’s wirklich weh tut. „Fliegst nach Lima in den Urlaub und nach China zu ‘ner Klimakonferenz“ – bäm, das sitzt! Immer wieder nimmt Faber unser aller Doppelmoral und Oberflächlichkeit ins Visier. „Mit dem Auto ins Fitnessstudio, um da Rad zu fahren. Mit dem Auto in den Bioladen, da kaufst du regional“ – und bäm, einen oben drauf!

Am Ende ist „I fucking love my life“ durchaus eine gute Platte geworden – eine gute Platte, die viele Leute hassen werden. Wie sehr einem jedoch seine Texte auch zuwider sein mögen, eines muss man Faber lassen: Zumindest ist er nicht langweilig. Und das hat er geschätzten 99 Prozent der deutschsprachigen Popmusik voraus.

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