Betterov über sein Debütalbum “Olympia”

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Bevor Betterov sein Debütalbum “Olympia” veröffentlicht hat, haben wir uns mit dem Berliner Künstler getroffen, um über das Album, seine Inspirationen und die Tour mit The Gaslight Anthem zu sprechen.

Betterov im Interview

© Massimiliano Corteselli

Es geht auch darum, dass das Leben total schön ist.

„Wenn man in einem depressionsartigen Zustand ist, dann hat man irgendwann eine Ansammlung von Gefühlen, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben, sondern eigentlich ausschließlich Symptome für diesen depressiven Zustand sind. Und man fühlt nicht mehr so wie man das vorher mal gemacht hat, also vor dieser Zeit. Da ist dann Müdigkeit, man bewertet alles schlecht, man findet immer wieder irgendeine bestimmte Sache, die einem nicht gefällt. Es gibt 100 gute Gründe, einen Song gut zu finden oder ein Bild gut zu finden, oder eine Ausstellung gut zu finden, es gibt aber vielleicht auch einen Grund, das nicht zu tun. Und wenn man in diesem „symptomischen“ Zustand ist, wird man sich immer auf diesen einen Grund fokussieren, statt auf die 100 anderen.“

So beschreibt Betterov die dunklen Momente der letzten beiden Jahre, in denen sein heute erschienenes Debütalbum „Olympia“` entstand. Der Titel inspiriert unweigerlich Assoziationen mit sportlichen Höchstleistungen und damit auch die Frage, was diese mit psychischen Tiefpunkten zu tun haben.

„In Olympia geht’s einfach um ‘ne sehr, sehr schwere Zeit – eine, in der man wirklich lethargisch Zuhause liegt, nichts mehr machen kann, alte Sportvideos guckt und irgendwann in so ‘ ner Youtube-Autoplay Bubble landet und sich anschaut, wie Menschen in 47 Sekunden 100 Meter schwimmen und ihr eigenes Leben komplett verändern und ‘nen Weltrekord aufstellen, das heißt, auch den Weltenlauf verändern, auch Geschichte schreiben und Olympia fängt quasi diese Diskrepanz ein, zwischen dem was auf dem Bildschirm passiert und dem was vor dem Bildschirm passiert. Diese riesige Lücke und das ist der Titeltrack des Albums (. . .). In Olympia steckt für mich auch ganz viel drin. Dieser Leistungsdruck, on Point da sein zu müssen, die Leiden auf dem Weg dahin, aber eben auch dieser riesige Triumph. Dieses übergeordnete Thema Sport, was ja gesund ist und Glück hervorbringen kann, aber auch total wehtun kann – das war ein Thema, wo für mich einfach so viel drin war, was auf zweiter Ebene mit den Themen des Albums funktioniert.“

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Diskrepanz, Spannungsfelder, das sind gute Stichworte im Hinblick auf Betterovs Schaffen, denn textlich dreht es sich darin oft um kontrastierende Gefühle von Freude und Schmerz. So Geschmacksnote Bittersüß. Im zweiten Track des Albums, „Böller aus Polen“, wird beispielsweise ein „Haus (. . .) wie ein Tatort“ an einem alles andere als idyllischen Ort beschrieben. Und dann eben noch eine Person, die all das gesehen hat und trotzdem bleiben wollte. Perspektivisch nicht zu monoton zu werden, das ist Betterov wichtig. Während er also von der „schweren Zeit“ spricht, in der „Olympia“ entstand, betont er „es geht aber auch um Hoffnung, um Auswege aus dieser Zeit und es geht auch darum, dass das Leben total schön ist.“

Apropos Diskrepanz: Während der Arbeit am Album hat Betterov viel Joni Mitchell gehört, die ja, wie er lachend anmerkt, wiederum im Kontrast zu ihren musikalischen Zeitgenossen stand und eher dunkle, melancholische Töne, statt sprudeliger New-Age Hippie Noten, anschlug.

Im Gespräch mit Betterov spürt man, obwohl er Fragen durchweg überlegt und eloquent beantwortet, dass in ihm unentwegt ein gewaltiger kreativer Schaffensdrang surrt. Entsprechend begnügte er sich nicht damit, sich lediglich musikalisch an „Olympia“ abzuarbeiten:

Es war mir auch ganz wichtig, das hat man vielleicht gar nicht so auf dem Schirm, auch die visuelle Welt dieses Albums ganz, ganz stark in erster Reihe mitzugestalten. Das heißt die Fotos, die Videos. Ich hab da mit Rebecca Krämer ganz viel zusammen gearbeitet. Das ist eine ganz, ganz tolle Fotografin.

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Es ist schön zu hören, dass der Künstler, der so direkten emotionalen Zugang zu den fiesen Facetten des Lebens zu haben scheint, gleichermaßen für so viele Aspekte uneingeschränkte Begeisterung empfindet. Auf seine Pläne für die Nahe Zukunft angesprochen lächelt er: „In meinem Kopf arbeitet es natürlich weiterhin, das ist auch total schön und ich schreib auch einfach total gern Songs und Texte, das mach ich sowieso immer, aber momentan konzentriere ich mich schon sehr auf die Konzerte, die jetzt anstehen und auf den Release und freu mich da total drauf. Ich hab vor Kurzem ein Tourset erarbeitet, was wir auf der Tour spielen, die am 30. November beginnt. Das sind so meine Aufgaben, darauf freue ich mich total.“

Während das Thema Tour aufkommt, kann ich mein persönliches Interesse schlecht zurückhalten – Wie war es denn eigentlich, The Gaslight Anthem während ihrer ersten Tour nach der Reunion auf Konzerten in Deutschland zu begleiten? 

Das war schon ein bisschen geil. Also, das ist schon riesig gewesen, weil es natürlich auch eine totale Lieblingsband von mir auch ist und auch, das ist ein bisschen Off Topic, aber ich bin ja auch so’n superheftiger Springsteen Jünger, seitdem ich laufen kann und die kennen den ja und haben so Charity Veranstaltungen mit ihm gemacht und die verkaufen dann an so einem Flohmarktstand second hand Klamotten für den guten Zweck und dann gesellt Springsteen sich so dazu. Für mich ist das total weird, weil dass ich in meinem 900 Seelendorf in Thüringen irgendwann mal Menschen treffe, die einen Berührungspunkt mit Bruce Springsteen haben – nichts auf dieser Erde kam mir weiter entfernt vor als das. Aber das passierte eben auch im Rahmen dieser Konzerte und deshalb war ich ehrlich gesagt auch ein bisschen getouched. Das hat nichts mit deren Musik zu tun, aber war trotzdem für mich auch spannend einfach!

Dass Olympia eines der Alben des Jahres wird, steht außer Frage. Von den beeindruckenden Soundkulissen zwischen Post-Punk, New Wave und Indie-Pop, die Betterov mit seinen außergewöhnlich empfindsamen, ausdruckstarken Lyrics verwebt, wird seit der Veröffentlichung seiner EP „Viertel vor Irgendwas“ Musikpresse übergreifend geschwärmt. Aber es ist eine Genugtuung zu sehen, dass dieser Erfolg einem Menschen zu Teil wird, der so leidenschaftlich, unermüdlich Künstler ist und in einer gefühlt sehr kurzen Zeit so viel Außergewöhnliches geschrieben hat.

 

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