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Antilopen Gang: „Man braucht eigentlich nicht solche Angst davor haben, aufs Maul zu kriegen“

Ein Beitrag von Laura
vom

Am 24.12. erscheint mit „Antilopen Geldwäsche Sampler 1“ nach Danger Dans „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ der zweite (potenzielle) Banger auf dem Antilopen Gang-eigenen Label namens, man ahnte es bereits, Antilopen Geldwäsche. Anlässlich der anstehenden Veröffentlichung traf Herzmukke die Antilopen Gang in Berlin zum Interview.

In „Uns und Denen“, dem Opener des Samplers, heißt es „Du kannst dich auf die Gewinnerseite stellen oder zusammen mit uns mit wehenden Fahnen untergehen“ – von außen betrachtet könnte man eure Seite schon für die Gewinnerseite halten – euer Label hat zum Beispiel den VUT Indie Awards als Best New Music Business bekommen – warum ist sie das eurer Meinung nach trotzdem nicht?

Danger Dan: Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Koljah: Du deckst da einen typischen Grundwiderspruch der Antilopen Gang auf. Wir haben das schon seit längerem selbst bemerkt, dass dieses Loser-Image nicht mehr der Realität entspricht, aber es ist natürlich gleichzeitig verkaufsfördernd, weil – die Fans fallen immer noch drauf rein. Das ist ein ganz alter Trick, den haben einige deutschsprachige Rockbands schon verwandt, dass man ein Zusammengehörigkeitsgefühl von sehr vielen Menschen dadurch erschafft, dass jeder einzelne das Gefühl hat, er wäre Außenseiter.

Also versucht ihr vielleicht auch so ein bisschen auf die Wohltätigkeit eurer Fans anzuspielen?

DD: Wir wollen, dass die ein gutes Gefühl haben und dass die sich nicht schämen müssen, so einen Chart-Pop-Act anzuhören.

K: Wir sind frei von jeglichen kommerziellen Interessen. Es geht uns lediglich darum, ein Wellness-Gefühl zu schaffen.

Denkt ihr, das ist ein Grund dafür, dass sich so viele verschiedene Menschen auf euch einigen können, oder liegt das daran, dass ihr auch so ein bisschen auf „schwer zu kriegen“ macht?

K: Also wir haben es geschafft, uns in eine Position zu manövrieren, in der wir alles tun können und es ist immer sympathisch. Wir können die Leute sogar beschimpfen, oder ihnen Sachen sagen, die sie falsch finden, oder sie für irgendwas kritisieren und alle haben immer das Gefühl, das wäre mit einem Augenzwinkern und eigentlich irgendwie nett. Das hab‘ ich zuletzt mit meiner Single „Nazis rein“ probiert. Man kann machen, was man will – die Antilopen Gang haben einfach den Ruf, immer nett zu sein!

DD: Naja, und es gibt auch den umgekehrten Fall – ich glaub, wir haben es uns bei ein paar Leuten einfach auch schon so früh verscherzt, dass wir das Image auch nicht mehr retten können. Also, wir werden glaub ich nie durchgewunken werden als gute Hardcore-Punk-Untergrund-AZ Band und auch auf dem Splash! Festival hatten wir nicht besonders viele Freunde, gleichzeitig gibt es jetzt aber voll viele, die uns jetzt einfach alles abkaufen, egal was wir sagen. Die Karten liegen ja schon seit Jahren auf dem Tisch.

Stichwort Untergrund – in „Uns und denen“, vor allem aber auch in „Kneipenschlägerei“ klingt so eine Sehnsucht nach dem Scheitern an. Müsst ihr aktiv dagegen ankämpfen, euch selbst zu sabotieren?

K: Also ich kann persönlich sagen, ich verspüre so eine Sehnsucht nach dem Scheitern. Also wir reden ja gerne von dem Sumpf und vom Abgrund und irgendwas zieht mich da hin. Dadurch, dass ich vielen Sachen abgeschworen habe, die damit zu tun haben, zum Beispiel Saufen oder Drogen nehmen oder so, ist dieser Abgrund in weite Ferne gerückt, aber das heißt nicht, dass man den nicht noch romantisieren kann. Ich glaube, wir sind ein gutes Beispiel dafür, wie man es sich auch sehr romantisch und sehr bequem machen kann, in so einem verkorksten Dasein. Ob sich das dann in dem Moment, wo man dann wirklich am Boden ist, immer noch so romantisch anfühlt, ist eine ganz andere Frage, aber solang man nur kurz davor ist – und ich spreche da nur für mich – will ich da gerne hin. Ich freu mich auch so ein bisschen drauf, so mit Mitte 60 wieder anzufangen Drogen zu nehmen und zu Saufen und einfach den Karren komplett vor die Wand zu fahren.

DD: Ich glaube, es geht da aber auch viel mehr darum, dass wenn man am Boden und in der Kotze liegt, man nicht mehr so tief sinken kann. Da ist eher so das Gefühl, dass man sich danach sehnt, die Angst vor dem Fallen zu verlieren, weil man schon längst aufgeprallt ist. Das kenne ich auch aus meinem Leben. Dass ich mich immer wieder in so dumme Situationen manövriere und es sich da, erstmal angekommen, eigentlich ganz gut anfühlt. Das hat wirklich was Beruhigendes, in seiner Kotze zu liegen.

K: Ein anderes Beispiel: Wenn man auf die Fresse kriegt, das ist mir schon ein paar Mal passiert, dann merkt man, das ist gar nicht so schlimm, weil man sowieso so viel Adrenalin hat, dass es nicht weh tut, aber selbst, wenn es weh tut – es ist dann eh zu spät. Also man braucht eigentlich nicht solche Angst davor haben, aufs Maul zu kriegen. Es sei denn, man wird totgeschlagen. Das würde ich jetzt nicht empfehlen. Aber so ist es mit vielen schlimmen Dingen. Wenn man das einmal erlebt hat, weiß man „irgendwie ist es auch geil“.

Ich glaube, diese Tendenz, sich selbst zu sabotieren ist auch ein weit verbreitetes menschliches Phänomen.

DD: Naja, es ist einfacher, irgendwie. Sich vorzunehmen, ich will jetzt ein eigenes Label aufbauen und damit Erfolg haben – da geht man ein enormes Risiko ein, dass es nicht klappt. Aber die Idee, ich mach jetzt alles kaputt, ich schreib ein Album, das so scheiße ist, dass mich niemand mehr auf der Straße erkennen will, dann hab‘ ich endlich meine Ruhe – das ist auf jeden Fall einfacher.

Ihr seid in diesem Jahr viel getourt, erst letztes Jahr kamen „Abbruch, Abbruch“ und „Adrenochrom“, zwei von euch sind Väter und einer DIY CEO – wie sieht da der kreative Prozess aus? Müsst ihr euch zwingen, rare freie Zeit zum Schreiben zu nutzen oder kommen die Songs von allein?

K: Ich war ganz froh, als ich dieses Lied „Nazis rein“ geschrieben hab, dass ich nach längerem noch mal so einen Moment hatte, wo mir so ein Lied einfach zugeflogen ist und ich ein Mitteilungsbedürfnis und so drei Strophen hatte, weil das nicht mehr so oft der Fall ist. Also meistens setzen wir uns hin und sagen „jetzt schreiben wir halt einen Song“. Wir treffen uns dafür, also Danger Dan und ich haben uns vor nicht allzu langer Zeit in Dresden getroffen und uns für zwei, drei Tage eingeschlossen, um Musik zu machen. Das hat dann auch funktioniert.

DD: Aber ich glaube, dass der kreative Prozess so aussieht, dass wir über Sachen einfach auch brüten, und dann kann man die irgendwann einfach schnell schreiben. Das kommt einem dann vor, als hätte man die in einer halben Stunde geschrieben, aber dieses Gespräch darüber, dass man sich manchmal Situationen herbeisehnt, in denen man vollkommen am Ende ist, weil man dann nicht mehr runterfallen kann – darüber reden wir seit Jahren. Also ich glaube, dass wir in unserem aktuellen „Life“ nur kurze Slots haben, um das umzusetzen, dass wir aber trotzdem sehr lange brüten. Bevor wir so ein Ei legen.

Anderes Thema – Features hattet ihr in der Vergangenheit eher selten. Jetzt ein ganzer Sampler voll. Habt ihr die Tracks schon mit den gewünschten Gästen im Sinn geschrieben, oder sind die erst später dazu gekommen?

Panik Panzer: Unterschiedlich. Also, da ich dieses Jahr mit sehr viel beschäftigt war, war relativ früh klar, dass ich nicht zu jedem Lied eine Strophe beitragen werde und so lagen da ein paar Lieder rum, wo es Strophen von Danger Dan und Koljah gab, und da hat man dann tatsächlich überlegt „ah, könnte da nicht die und die Person draufpassen“ und „Auf sie mit Gebrüll“ hat auf jeden Fall sehr geschrien nach einem Zugezogen Maskulin Feature, was eh überfällig war, weil wir so lange schon mit denen connected sind und das nie passiert ist. Und auch der „Kneipenschlägerei“-Song, als uns dann die Idee kam, da könnte Maeckes drauf, haben wir alle gesagt „Boah, wie krass wärs‘“ und es hat geklappt. Andere Songs wie „Sí claro“ hab‘ ich dezidiert mit Fatoni zusammen für den Sampler geschrieben.

Warum hat „Auf sie mit Gebrüll“ nach Zugezogen Maskulin geschrien?

PP: Einfach wie die Skizze gewirkt hat. Also sowohl musikalisch als auch wie der Refrain geschrieben war und so weiter. Das ist halt so ein Hau-Drauf Ding.

Panik Panzer singt auch die Bridge in „Auf sie mit Gebrüll“ – ist es neu, dass du singst? 

PP: Eigentlich nicht. Für die Antilopen Gang hab‘ ich seit 2014 mit Autotune experimentiert. Mal zur Freude der Gang, mal zur Un-freude.

DD: Stimmt, Tobi kommt nicht mehr dazu, Strophen zu schreiben, deswegen singt er jetzt immer Autotune Bridges. Seit Anarchie und Alltag. Bei „Alf“ zum Beispiel.

PP: Angefangen hat es tatsächlich 2014. Da hab‘ ich einen Song gemacht, der hieß „Aversion kommt“, der handelte davon, dass unser erstes großes Album Aversion kommt und wir jetzt sehr kommerziell sind und eigentlich hab ich seitdem auch nicht aufgehört, das zu machen, allerdings hab ich auch zwischendurch immer wieder gesagt: „lass mal kein Autotune machen“, aber es macht mir einfach zu viel Spaß und ich klinge auch wirklich ausgezeichnet damit, muss man sagen. Irgendein Blog hat mal geschrieben, Autotune wurde für meine Stimme erstellt, und ich glaube das auch. Insofern kann man es nicht ganz aussparen.

Im Podcast „Uptown’s Finest“ hat Danger Dan gesagt, dass er nur noch klingen will, wie Hobo Johnson. Würdest du sagen, das ist dir gelungen?

DD: Nee, ich glaube nicht. Das war ja noch bevor ich dieses Klavieralbum gemacht hab. Ich hab‘ wirklich mal gehofft, ich würde mal ein Album machen, das so klingt wie Hobo Johnson, weil ich den richtig geil fand, als ich den entdeckt hab, aber ich bin da wieder runter und will jetzt eigentlich wie Shirin David klingen. Also ich wäre gern Shirin David jetzt. Hobo Johnson soll sich mal ficken.

Apropos Shirin David – In den sozialen Medien gab es ein bisschen Kritik dafür, dass auf dem Sampler nur Männer gefeatured werden. Gibt es denn dafür einen Grund? 

DD: Die Frau, die wir gefragt haben, hatte keinen Bock auf uns. Aber wir haben unsere Feature-Gäste auch nicht nach Geschlecht ausgewählt, sondern so ein bisschen nach Ressourcen. Also wen kennen wir überhaupt, wer würde da überhaupt zu passen.

Panik Panzer, in „Sí claro“ erwähnt ihr Patrick Swayze und Keanu – welche Rolle spielt „Gefährliche Brandung“, der Film, in dem die beiden aufeinandertreffen, in deinem Leben?

PP: Den Gag hat Fatoni sich ausgedacht, weil er sehr gut darüber Bescheid weiß, dass ich niemanden kenne. Ich bin popkulturell sehr unbewandert, und jedes Mal, wenn er sagt „Das ist ja wie in dem und dem Film“ oder „das ist ja wie bei dem und dem Schauspieler“ frage ich „Wer? Was?“ und deswegen fand er es einen genialen Gag, zu sagen, wir sind zusammen, wie Patrick Swayze und Keanu, weil er wusste, ich weiß gar nicht wer das ist.

K: Wobei man dazu auch sagen muss, ich musste das dann auch googlen. Das ist doch so ein unbekannter Scheißfilm. Also als Tagteam sind die beiden sicher auch Leuten, die sich besser auskennen nicht unbedingt ein Begriff.

Danger Dan, auf dem Sampler findet man deine Interpretation des Knochenfabrik Liedes „Filmriss“ – was verbindet sich mit diesem Stück?

DD: Also, das ist unbestritten mein Lieblingslied seit vielen Jahren. Veröffentlicht wurde Ameisenstaat (das Album, auf dem sich „Filmriss“ findet – Anm. d. Red.) ja in den 90ern, aber ich hab‘ es erst so 2000 oder 2001 für mich entdeckt und seit ich es zum ersten Mal gehört hab, ist es mein Lieblingslied. Als ich das erste Mal Claus Lüer und Konchenfabrik live gesehen hab, musste ich sofort weinen, das ganze Konzert durch, auf dem Ruhrpott Rodeo, und als er mir dann im Backstage auf 50 Meter Entfernung über den Weg gelaufen ist, musste ich schon wieder sofort weinen. Koljah war dabei. Das stimmt wirklich. Weil ich das alles so toll finde! Und ich muss fast schon wieder weinen, wenn ich nur Claus Lüer erwähne. Für mich das beste deutschsprachige Album, das es gibt – Ameisenstaat von Knochenfabrik.

Koljah, bezugnehmend auf „Nazis rein“ und „Auf sie mit Gebrüll“ – würdest du sagen, chillen und Eis essen ist besser als performativer Aktivismus?

K: Ja.

Kannst du das noch ein bisschen ausführen?

K: Naja, „performativ“ ist für mich so ein nerviges Modewort, was ich grundsätzlich ablehne. Aktivismus lehne ich wiederum ab, weil ich eher so ein Theoretiker bin und es ablehne, die Theorie in die Praxis zu überführen. Chillen und Eis essen wiederum halte ich für zwei der größten Errungenschaften, die die Moderne überhaupt hervorgebracht hat. Also Chillen ist ja auch eine Errungenschaft, weil die Arbeitszeit kürzer wurde. Und Eiscreme muss man nicht erklären. (Wobei mir gerade auffällt, dass es gar nicht die Moderne war, die Eiscreme hervorgebracht hat. Eis gabs es schon viel früher. Egal!)

Welches Eis am liebsten?

K: Eigentlich würde ich jetzt gern ein Eis nennen, aber da der Hersteller durch anti-zionistische Aktivitäten und, so gesehen also, durch performativen Aktivismus aufgefallen ist, möchte ich an dieser Stelle keine Werbung für diesen Hersteller machen. Deswegen sag ich, so ein schönes Stracciatella-Eis mit so dicken Schokobrocken.

Möchtet ihr sonst noch was loswerden?

DD: Kauft das Album auf shop.antilopengang.de. Ist ein enorm gutes Weihnachtsgeschenk und kommt am 24.12.

K: Muss allerdings bis zum 19.12. um 23:59 Uhr bestellt werden, damit es noch rechtzeitig unter dem Weihnachtsbaum liegt.


„Antilopen Geldwäsche Sampler 1“ erscheint am 24.12.21. Die Antilopen Gang sowie Danger Dan (solo) sind 2022 auf Tour.

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