So war’s bei “Rio Reiser – Mein Name ist Mensch” (Schauspielmusical)

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Noch bis zum 3. November 2019 könnt ihr in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater das Schauspielmusic “Rio Reiser – Mein Name ist Mensch” sehen. Ob sich ein Besuch im Theater lohnt, verraten wir euch hier.
Rio Reiser Musical in Berlin

© Herzmukke

Wie lange ist es her eigentlich her, dass ich ein Theater besucht habe? Ich komme trotz längerem Überlegen nicht darauf. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich sowohl die klassischen und modernen Theaterspielweisen zuweilen etwas anstrengend/verstörend finde. Aber Theater soll wahrscheinlich genau das auch sein: Anders, man soll sich daran reiben können, keine pure Unterhaltung bieten und stattdessen Tiefgang haben, aber das Wesentliche einer Person oder einer Zeit heraus arbeiten ohne dabei zu langweilen. Diesen Spagat hinzubekommen und trotzdem ein großes Publikum anzuziehen ist sicher nicht einfach.

Umso gespannter war ich auf dem Weg ins Schillertheater, in das die Komödie am Kurfürstendamm gezogen ist und noch eine Weile dort verbleiben wird. Eine zeitliche Punktlandung verschaffte mir leider kein entspanntes Ankommen und Umsehen wer denn jetzt alles der Premiere des Stückes bei wohnt. Auf die Schnelle habe ich Walter Momper nebst Gattin, Bürger Lars Dietrich, Horst Krause und Hans-Werner Meyer entdeckt und dann geht auch schon das Licht aus und der Abend nimmt seinen Lauf.

Als ich geboren wurde, dachte ich an nichts Böses.

– Zitat aus Rio Reisers Tagebuch

Es wird das Leben, Wirken, Musizieren und letztlich auch das Sterben dieses Mannes, in einer überwiegend kurzweiligen Erzählung, skizziert. Dabei jagt ein Song den nächsten, was angesichts des beeindruckenden Gesamtwerks von Rio Reiser auch kein Problem darstellt. Das Schauspiel an sich rückt für meinen Geschmack mitunter etwas in der Hintergrund. In den besonders guten schauspielerischen Momenten blitzen immer wieder witzige Dialoge auf, garniert mit sehr schön (hoffentlich nur bühnengerecht) überzeichnete Charakteren wie zum Beispiel den von Claudia Roth.

Die Band harmoniert und versteht es Spielfreude und wenn nötig auch Härte/Gefühl in die Musik einzubauen. Der Hauptdarsteller an diesem Abend (Frédéric Bossier wechselt sich Abend für Abend mit Philip Butz in der Hauptrolle ab) variiert gekonnt seine Stimme, spielt mit der Melodie und auch wenn hier keine Kopie geschaffen werden sollte, kommt die Stimme hin und wieder dem Original doch überraschend nahe. Der Sound der Band wirkt direkter, schneller, klarer als bei den alten Aufnahmen. Zeitgemäßer Rock mit gehörigen literarischem Gehalt der zum Leidwesen meinerseits nicht ganz ohne anstrengende Gitarrensoli auskommt. Gänsehaut und Tränen wechseln sich im Publikum ab mit punktuellen Gelächter und zustimmenden Nicken. Die 1,5 Stunden bis zur ersten Pause vergehen wie im Flug.

Schauspieler des Rio Reiser Musicals in Berlin

© Herzmukke

Gerade wieder den Platz eingenommen bricht auch schon ein humoresk wirkender Strudel an vergleichsweise schrillen Songs von Rio Reiser los. Das hält aber nicht zu lange an und schon findet man Rio und seine Weggefährten wieder zwischen den Kampf ums Ganze und den ganz persönlichen K(r)ämpfen bis zum bitteren Ende. Das Finale wird richtig bewegend und in mir wird der Wunsch / die Hoffnung wach, dass das musikalische Erbe Rios in dieser Form und durch diese Band doch bitte noch mal aufgenommen wird.

Wäre es meine Aufgabe ein Prädikat zu vergeben, würde ich schreiben: “Empfehlenswert!”

Gut gefällt die durchdachte Lichtführung die für sich genommen schon Akzente setzt und die präzise Abwechslung mit den Video- und Audioeinspielungen sorgt gekonnt für Abwechslung ohne das Stück zerfasern zu lassen. Außerdem gelingt hier durchgängig der Spagat zwischen Unterhaltung und Tiefgang ganz ausgezeichnet und Langeweile kommt nie auf.
Viel mehr mag ich gar nicht verraten.

In einem Bericht von RBB Kultur heisst es zur Premiere “Die Standing ovations müssen also als Zeichen gewertet werden, dass die Komödie eine Off-Kehrtwende siegreich vollzogen hat. Ein guter Abend!” Dem gibt es nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: HINGEHEN!!!

Alle Infos zu “Rio Reiser – Mein Name ist Mensch”

  • Schauspielmusical von Frank Leo Schröder und Gert C. Möbius
  • Vorstellungen bis 3. November 2019 in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater
  • Regie: Frank Leo Schröder; Musikalische Leitung: Juan Garcia; Bühne und Kostümbild: Matthias Müller; Kostüm: Claudia Töpritz; Choreografie: Marita Erxleben
  • Darsteller: Frederic Böhle, Frédéric Brossier, Philip Butz, Kai Dannowski, Hans Gurbig, Katrin Hauptmann, Antonia Jonas, Fabian Hentschel, Friedemann Petter, Daniel Splitt und Paul Tetzlaff
  • Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
  • Tickets gibt es ab 16€ hier
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