5 Jahre „Stadt ohne Meer“ Festival

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„Eine Woche lang tanzt ganz Gießen und dann ist es wieder ruhig“ so eine Besucherin des Festivals am Bahnhof Gießen. Parallel zum Festival sei das „Lahnuferfest“ und somit viel los. Seit 5 Jahren schon gibt es das Stadt ohne Meer Festival von OK KID. Ein halbes Jahrzehnt. Ein Ganzes gibt es die Band bereits und beides wurde ordentlich gefeiert: Viele Auftritte, schöne Stimmung und die Ankündigung des neuen Albums.

© Vera Klemt

Eröffnung und Jubiläumsfeier

Die Band lässt es sich nicht nehmen ihr Festival selbst zu eröffnen: verwirrt sind wir, als Jonas, Moritz und Raffael nicht auf der Main Stage – dem Elefantenklostage- sondern der kleinen Zuschauertribüne anfangen zu spielen.
In ihrem Auftritt wechseln sie alle Bühnen, bis hin zur Main Stage durch – immer wieder mit Gästen. Erst taucht Megaloh auf; dann auf der Schwätzerstage wird Jeremaias begrüßt und spielt einen Song mit.

Auf der Elefantenklo Stage, finden sich Blumengarten und Juli zu den Kids. Juli, bekannt vom Deutschpop in den 2000ern, legen einen Gastauftritt hin. Wenig später rockt „die perfekte Welle“ das Festivalgelände. Als Grand finale sind über 20 Kinder eines Blasorchesters mit OK KID auf der Bühne. Dazu die Ankündigung des neuen OK KID Albums „Endlich Wieder Da Wo Es Beginnt“ und alle sind ausgelassen am feiern: OK KID und Blumengarten im moshpit, Ryan singt und überall rote Bengalos! Wer bisher noch still stand tanzt – ein gelungener Auftakt.

Das Gelände

Die überpegelnden Bässe der Musik hört man übers ganze Gelände – Ein kurzer Trip muss natürlich sein. Wir finden wunderbare Stände, Orginasationen und tolles Essen.
Unter anderem der Kaffe-Van von „Bohnen & Soehne“ bleibt uns im Herzen, aber auch die Drinks, Burger und Käsespätzle lassen sich nicht lumpen. Gesponsert und mit guter Laune versorgt wird das Festival von „lemonaid“, die einen kunterbunten Stand haben und „Viva con Agua“ stellen Trinkwasser bereit.
Auch der Gießener AStA und „Fridays for future“ sind dabei!

Die überpegelnden Bässe der Musik hört man übers ganze Gelände

Nachmittag mit Mayberg, Dilla & Haunted Youth

Wenig später übernimmt Eli Preiss aus Wien das Mikrofon und lässt die Crowd ordentlich tanzen.
Es wird ordentlich gesprungen und gepogt. Vor der schwätzer Stage sind circa 800 Besucher:innen aber der Lärmpegel lässt es wie 2000 wirken.

Kurz darauf wird von mayberg die Elefantenklostage bespielt. Irgendwie fühlen sich mayberg im dort Südwesten Deutschlands trotzdem wie ein Stückchen Prenzelberg an.
Wehmütige Melancholie trifft auf Leichtigkeit zum Mitsingen und es wird klar; diese Band hat noch einige Erfolge vor sich. Die Indie-Künstler begeistern die immer größer werdende Crowd bis zum letzen Titel.

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Zurück auf der Schwätzerstage spielt Dilla mit Band. Dahinter steckt die ursprüngliche Münchenerin Amadea. Sie ist schon seit einiger Zeit in Berlin und probiert sich aus: Der Sound von Funk zu Rock ist divers, ergreifend und einfach schön. Trotz den beißenden 32 Grad trudeln immer mehr Zuhörer:innen ein.

Auf der Hauptbühne finden sich The haunted youth ein, die mit nostalgisch schrabbeligem Indierock bis psychedelic Pop die Menge bespaßen. Mich erinnern sie an MGMT oder DIIV. Ihre Songs: zwischen „Teenage Angst“ mit einem Mix aus Zweifeln und Hoffnung, die direkt ins Herz und ins Ohr gehen.

Direkt darauf die absolute Kehrtwende mit Megaloh und gut gelauntem Gewippe der Crowd auf die Hiphop-Beats. Seit „Regenmacher“ hat der in Berlin großgewordene Künstler eine steile Karriere hingelegt und hat 2022 sein neues Album „Drei Kreuze“ rausgebracht.

Nächster Act ist Ennio, der als Indie-Rock-Artist, der für Songs wie „Unendlichkeit“ oder „Blaulicht“ bekannt ist. Ein gut abgestimmtes Set zwischen Rocken und Schunkeln. „Drachenfrucht“ ist dabei mein Favorit. Besonders überraschend kommt das Piano Cover von „Grüne Augen lügen nicht“ mit Jeremaias – womit die Überraschungen wohl bei einem Dutzend sind.

Der letze Act der Schwätzertage für heute: Ski Aggu.

Im 80er-Jahre-Humana-Schick gibt der Rapper Gas. Die Crowd hüpft zu „Hubba Bubba“ und Ski Aggu lässt es sich nicht nehmen ordentlich zu überziehen und „Friesenjung“ zu spielen. Der neue charthit kommt gut an, aber an der hauptbühne rufen derweil schon einige nach Leoniden.

Es ist bereits dunkel und die Quallen, die beleuchtet über dem Gelände hängen kombiniert mit all den Lichtern und Leuten schaffen eine nahezu magische Atmosphäre.

© Vera Klemt

We L.O.V.E Leoniden

Endlich der Headliner auf den so viele gewartet haben: Leoniden sind auf der Main Stage. In der Mitte der Stage haben Jakob und Djamin ihre Syntis und Keyboards aufgestellt, während der Rest um sie herum tanzt. Sichtlich überwältigt von der aufgeheizten Stimmung der Leute, starten Leoniden mit einem energiegeladen Intro.

Rotes Licht flackert im Strobo während Jakob Schattenboxt. Mit „Again“ starten sie mit einem krachenden Ohrwurm. Alle Menschen in der Menge sind textsicher und man kann vor lauter Mitsingerei manchmal kaum die Band hören. Kopfschüttelnd und überwältigt spielen Leoniden nach kurzer Verschnaufpause „Dice“ an. Blaues Licht erfüllt die Stage.

Die Klarheit der Töne, die überragende Kopfstimme des Sängers und dieeingängigen Melodien haben nun über 2000 Leute angelockt. So energetisch eine Cowbell, Bongos und diverse andere Instrumente zu spielen muss auch erst mal jemand nachmachen. „Ihr seid geisterkrank!“ sagt die Band zufrieden nach dem zweiten Titel,“You guys make me cry“.

Mit „L.O.V.E.“ und „Nevermind“ – wobei natürlich instrumentelle Soli und Nirvana Akkorde nicht fehlen dürfen – reißen Leoniden alle mit. Die ersten Kleider fliegen und Leute sitzen auf Schultern, es wird mitgeklatscht, gesungen, gepogt und mit den Armen gewedelt.

Auch wir gönnen uns einen Drink und genießen einfach die finalen Titel, nach diesem heißen und dopamingeladenen Tag.

Am Ende des ersten Tages stechen Leoniden sowohl von der Show als auch der Soundqualität klar heraus. Die Art, wie sie ihre ehrliche herzliche Freude an der Musik transportieren ist und bleibt etwas besonders. Ein Tag voller wunderbarer Menschen geht vorbei und wir freuen uns auf den nächsten.

Tag 2 – Wahre Liebe & Hiphop

Pablu eröffnet die Stage um 14.30 und obwohl noch nicht alle eingetrudelt und es 31 Grad sind, ist die Menge in Stimmung. Ein sanfter Weckruf für die 400 vor der Stage und das Festival.

Von Wahrer Liebe und 80er Funk geht es kurz danach weiter zu Blumengarten. Der absolute Ohrwurm „paris syndrom“ nimmt alle mit, während die tolle Stimme von Rayan einen Schunkeln lässt. Voller Verletzlichkeit und ehrlicher Emotion, gemixt mit funky Synthesizer startet der Tag sonnig.

Konträr dazu rocken Drens kurz darauf die Bühne. Pinkes Shirt und weißer Overall, dazu wildes Hüpfen – so Sänger Fabian. Mindestens genauso energetisch und bunt ist auch der Rest der Band und die Gitarrist*innen sind am Headbangen und die Crowd am Springen. Mit ihrem neuen Album „Bubblegum Dream World“ rocken sie die Elefantenklostage. Langsam fängt es durch Hitze und Getanze an, vor der Stage zu stauben.

Dröhnende Bässe

Josi schießt anschließend in ihren Texten gegen alles und jeden, wobei ihr Flow einfach smooth bleibt. „Kasse“ und „Man down“ kommen gut an, während die Bässe bis zu den Sanis am anderen Ende des Geländes zu hören sind.

Aus dem Ruhrgebiet und erst Anfang 20 ist Philine Sonny, die auf der Main-Stage mit sanften Klängen bezaubert. „Lose Yourself“ ist eine akkustische Ballade, die mit der hauchigen Stimme von Sonny zum weinen einläd. Der Song „People“ erinnert irgendwie an Taylor Swift und zieht die Stimmung wieder hoch.

© Vera Klemt

Gemeinsam mit der vierköpfigen Band bringt Bibiza aus Wien das Festival zum hüpfen. „Schick mit Scheck“ ist besonders beliebt: Der 80er Sound und die Stimme erinnert an Falco und die Crowd liebt es.

Donkey Kid aus Berlin laden einen mit nostalgischem aber zeitlosem Sound zum Tanzen ein. Mit gerade mal 19 haben sie vier Singles veröffentlicht und mit „nicht zurück“ und „Linger on“ Musik geschaffen, die irgendwo zwischen postmodern und retro Begeisterung findet. Die Musikvideos geben VHS-Kassette-vibes.

Die Berliner Rapperinnen Bounty & Cocoa lassen die Bässe wieder hämmern – sexuelle Emanzipation und LGBT-themen verpackt in bars. Besonders „Anti“ kommt gut an.

Karstadtdetektive auf dem Festival

Kompletten Abriss bieten Team Scheisse, die als Punk-Rock-Band zwar die Einzigen Genreverterter, aber somit auch die Besten auf dem Festival sind. Irgendwo zwischen grölen, Systemkritik und Antikapitalismus tobt der Moshpit zu „KARSTADTDETEKTIV“. Währenddessen wird die Hitze immer unerträglicher auf dem Gelände, was jedoch die wenigsten davon abhält zu feiern.

Zurück auf der Schwätzer-Stage: Apsilon & Wa22ermann als Rap-Duo. Kaum zu glauben, dass es ihre erste Show ist – souverän, natürlich und energetisch. Zu abwechselnden Songs von Apsilon und Wa22ermann pogen sich die Leute vor der Bühne. Zwischen Flow und Spaß bleibt auch Platz für das Teilen von Rassismuserfahrungen, wobei die Menge zuhört und mitfühlt.

Währenddessen wird die Menge vor der Main Stage schon von Songcharts aufgeheizt, während sie auf Jeremias warten. Das Quartett kommt mit Zusatzbesetzung am Keyboard, neuen Songs und einer Menge Fans vor der Bühne. Die starke und doch klare Stimme mit ausgeklügelten Texten nimmt alle mit. „Wir haben den Winter überlebt“ von 2023 wird sofort mitgesungen, mitgeschrien und geliebt. Bei „hdl“ muss Jeremias nicht mal mehr selbst singen. Plötzlich sind 3000 Leute auf dem Feld und fühlen die Musik. Wir sind verzaubert.

Die 20-jährige Paula Hartmann überrascht: Irgendwo zwischen Über-die-Bühne-Springen und Texten zu Depressionen frontet sie Rammstein. Paula Hartmann ist ein Energiebündel mit gutem HipHop und moralischer Stärke und erntet dafür ordentlich Applaus.

© Vera Klemt

Bilderbuch: Maurice spaltet das Meer

Kurz darauf das gran finale: Bilderbuch. Schon beim Intro, drehen alle durch. Kurz zuvor waren sie auf einem Metal-Festival erklärt Mauricedann in einem Monolog. Er bringt die über 3000 Leute daraufhin dazu, die Mitte des Geländes freizuhalten, nur um dann „Doch das Meer wollte nicht gespalten bleiben!“ Zu schreien und die Wall of Death toben zu lassen.

Schräg hinter uns – hinterm Pressegraben – sehen wir nach und nach OK KID, Blumengarten und andere Künstler*innen aus dem Backstage kommen, um auch mitzutanzen.

Die Österreicher, die vor einigen Jahren noch auf dem Kosmonaut waren und nun dauernd ausverkauft sind, reißen uns in einen Strom aus Euphorie. Altbekannte Titel wie „Bungalow“ oder „Gigolo“ heizen die Menge noch mehr auf. Mikes Gitarrensoli und Energie lassen die Menge staunen. Maurice‘ bewegt sich irgendwo zwischen Prince und Bowie, während er sich immer weiter seiner Kleidung entledigt, bis er nur noch in Hose spielt.

Der gesamte Pressegraben, Backstage und Crowd tanzen und singen mit. Keine*r sitzt auf diesem Festival noch still. Rudern, Pogen, Schreien, Crowdsuerfen – es ist alles dabei.

Bei ruhigeren Titeln herrscht ein Lichtermeer aus Handys und Feuerzeugen. Die Quallen im Himmel schaffen dazu eine zauberhafte Atmosphäre. Leider darf es aus Zeitgründen keine Zugabe geben, aber das braucht es auch nicht. Mit „Maschin“ Endet der Auftritt mit einem Klassiker voller Lichteffekte und noch einem grandiosen Solo.

Wir verquatschen uns noch etwas und treten am nächsten Morgen die lange Heimreise nach Berlin an. Auch wenn die Bässe zu stark waren und das staubige Feld und die wenigen Schattenplätze ermüdent, kann man am Ende sagen: es hat sich gelohnt. Es war ein Festival voller lieber Menschen, toller Acts und eien wahnsinnige Zeit.

Schön wars, Stadt ohne Meer!

Stadt Ohne Meer Bildergalerie

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Hi, ich bin Vera ...

Dass mein Herz für beat schlägt, weiß ich schon lange aber als ich die erste Foto Strecke in der juice gesehen habe wusste ich - Portraits von Musiker:innen - da will ich mal hin! Als „Lichttrauma“ fotografiere ich seit knapp zehn Jahren und veröffentliche seit 2017 die ersten Beiträge über Musik-Events.

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