Der Laden als Musikbibliothek – auf ein Wort mit Second-Hand-Records

von am keine Kommentare
Die Absatzzahlen von Vinyl steigern sich Jahr für Jahr, so zumindest die allgemeinen Infos in der Branche. Aber wie empfinden das die Local Record Stores, die das schwarze Gold seit Jahr und Jahrzehnten supporten. Die Jungs von Second-Hand-Records in Stuttgart haben da ihre ganz eigene Meinung zu.
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© Edu Grande

Rainer und Michael sind Vinylliebhaber, extrem sympathisch und betreiben mit ihrem Geschäft ,,Second-Hand-Records” den größten Schallplattenladen im Stuttgarter Raum.
Es folgen fünf Minuten Fachsimpeleien :—-

Eine lockere Frage zum Einstieg. Was habt ihr denn als letztes gehört?

Rainer : The Church. (Platte läuft im Hintergrund)

Welches Album ist das?

Rainer : Conception.
Michael : (Lacht) Das hab ich auch zuletzt gehört.

Damit hätte sich die Frage nach dem Medium auch erledigt. Wo seht ihr denn die Vorteile von einer Vinylplatte?

Rainer : Ganz klar in der Optik und Haptik.
Michael : Wir sind beide mit Vinyl aufgwachsen. Eigentlich hab ich nie wirklich was anderes
benutzt.

Nutzt ihr trozdem auch andere Medien und Formate zum Musik hören?

Michael : Ganz klassisch natürlich das Radio im Auto. In dem Zusammenhang ist selbstverständlich von Vorteil, dass man sich gleich über die aktuellen Nachrichten informieren kann.
Rainer : Ja, CDs und Autoradio. Mehr gibt es im Prinzip nicht.

Ich hab doch gar keine Zeit zum streamen ~ Rainer

Kein Streaming?

Michael : Nein. Bei Musik überhaupt nicht.
Rainer : Wir besitzen einen Schallplattenladen mit einem riesigen Angebot an LPs, Eps, Singles und CDs. Wenn man so will fungiert das Geschäft als unsere eigene Musikbibliothek.
Michael : Für Leute die nicht aus diesem großen Fundus schöpfen können ist das legitim, aber ich habe ja gar keine Zeit zum Streamen (lacht). Wir bekommen quasi täglich neue Tonträger geliefert von denen wir auch einiges Probehören sollten, damit wir unsere Kunden dann auch entsprechend beraten können.
Rainer : Du kennst ja unseren Laden ?

Ja ich war schon ein paar mal zu Besuch.

Rainer : Es heißt zwar ,,Second-Hand-Records”, aber unser Sortiment besteht deshalb nicht nur aus gebrauchten Platten und CDs. Wir bieten auch entsprechend viele Neuveröffentlichungen an durch die wir uns ebenfalls täglich durchhören müssen.

Vinylverkäufe erleben gerade einen ordentlichen Zuwachs. Zwar belegen die Zahlen der Plattenfirmen, dass der Absatz der physischen Tonträger insgesamt zurückgeht, Vinyl jedoch ordentliche Zuwächse vorzuweisen hat. Nehmt ihr das persönlich auch so wahr?

Rainer : Das spüren wir auf jeden Fall hier im Laden, würde ich behaupten. Wie alt bist du?

20 Jahre.

Rainer : Ja, genau um diese Altersspanne herum wird das besonders deutlich. Vor fünf bis sechs Jahren haben sich noch ganz wenige Leute in diesem Alter am Kauf von Vinyl beteiligt. Vorletztes Wochenende hatten wir eine 1€ -Sonderaktion, bei der man extrem günstig Platten erwerben konnte. Vergangenes Wochenende ging der alljährliche Record-Store Day bei uns über die Bühne.
Michael : Das ist definitiv eine gute Sache.
Rainer: Die neue Generation der 16 – 25 Jährigen, die nun langsam nachgereift ist und wieder anfängt Vinyl zu kaufen sieht man dann häufig an solchen Tagen.

Glaubt ihr, dass es sich hier nur um eine Trenderscheinung handelt ? Ist der Retro-,oder
Vintage-Charackter von Vinyl im Moment einfach nur angesagt?

Rainer : Nein. Es gibt vielleicht zur Zeit viele Artikel und Aufmerksamkeit um dieses Thema, aber die Schallplatte wird uns auf jeden Fall bestehen bleiben. Die Industrie war nur irgendwann der Meinung die CD als das vermeintlich überlegene Medium einführen zu müssen und die Leute haben daran geglaubt. Dem ist aber nunmal nicht so. Eine Schallplatte hält eben im Gegensatz zur Compact-Disc um ein ganzes Leben länger. Auch wenn auf diese Weise neue Leute Zugang zur Szene finden, kommt es mir teilweise so vor, als würden die Labels versuchen durch zu hohe Preise möglichst viel Geld aus diesem Hoch zu schöpfen.

Die Preise für Schallplatten sind teilweise eine Hemmschwelle

Michael : Stimmt, da können wir als Plattenladen leider nur nichts für. Die Preise regeln nun einmal die Plattenfirmen selbst. Das ist durchaus ein berechtigter Kritikpunkt und ein ernsthaftes Problem, weil somit auch unsere Einkaufspreise drastisch steigen und wir folglich nicht mehr in der Lage sind die Ware an den Mann zu bringen.
Rainer : Langfristig werden die Plattenfirmen jedoch darauf reagieren müssen, sobald sie registrieren, dass die Einkäufe der Läden weiter zurückgehen.
Michael : Ihnen wird wohl nichts anderes übrig bleiben, sonst werden sie auf zahlreichen unverkauften Platten sitzenbleiben.
Rainer : Aktuelles Beispiel dafür ist die neue Massive Attack EP, auf der gerade einmal vier Songs drauf sind, die wir aber aufgrund des hohen Einkaufspreises für knapp 30 Euro anbieten mussten. Wir hatten nur ein Exemplar bestellt und es hat letztlich über einen Monat gedauert, bis jemand endlich die Platte gekauft hat. Für einen vernünftigen Preis hätten wir wahrscheinlich 20 davon absetzen können. Es gibt zum Glück immer noch genügend Firmen, die es irgendwie hinbekommen, dass man Platten zum gleichen Preis wie CDs verkaufen kann. Der normale, beziehungsweise durchschnittliche Preis für ein neues Album rangiert dabei im Bereich von etwa 17 Euro. In den 90ern waren es vielleicht um die 35 Mark, die wir für eine neue CD verlangt haben. Im Klartext bedeutet das, dass sich der Preis von CDs in dieser Hinsicht nie großartig verändert hat, Platten in den letzten Jahren aber schon ein bisschen teurer wurden. Es gibt heutzutage nur noch wenige Neupressungen, die wir zu diesen, vergleichsweise niedrigen Preisen anbieten können.

Das Interview gehört zum Thema “Das Erwachen der Macht – Wie Vinyl es allen zeigt!”. Lies dir alles zum Vormarsch der Schallplatte hier durch!

Interview: Maximilian Hack

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Hi, ich bin Philipp ...

ich kann mich wochenlang mit dem selben Song beschäftigen und trotzdem jeden Tag neues entdecken. Mein Herz schlägt für gutes Essen und noch besseres Bier, am besten kurz vor einem Konzert. Meine große Liebe ist aus Stahl und ca. 35 Jahre alt. Auf ihren zwei Rädern ist sie rasend schnell. Hin und wieder zieht es mich nach Skandinavien, da ists immer so schön kühl. Und immer mit dabei ist der Soundtrack Of My Life gespickt mit Songs von Death Cab For Cutie, Foals, Nada Surf u.v.m. Olé Olé FCB

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